Selbsthilfekolumne

Grafik: Lena Knaudt

Nur als Warnung, für die jungen oder naiven Kollegen unter uns: Es gibt im Leben, während eines Lebens, Angewohnheiten, die zur Sucht werden können, nicht nur bei labilen oder entsprechend veranlagten Menschen. Es beginnt ganz harmlos, und irgendwann kann man nicht mehr damit aufhören, die Sucht beginnt das Leben, den Alltag zu bestimmen, es folgt der soziale Abstieg oder so etwas, einige von Ihnen werden mir das bestätigen am Schluss.

Ich heiße Andreas, ich bin Vordemeinschlafenleser. Es begann, siehe oben, ganz harmlos, in der Kindheit, es war verboten, ab einer gewissen Uhrzeit zu lesen, und in dem Verbotenen lag der eigentliche Reiz, der Nervenkitzel, der Sinnesreiz als Anlage für das spätere Verderben. Dann die Schulzeit, die späte, man schaffte seine Pflichtlektüren tagsüber nicht, und so las man sie nachts. Konnte man sich so angeblich auch besser merken, den Inhalt, für den nächsten Tag, die ersten Ausreden für den schleichenden Zerfall. Als Erwachsener zur Entspannung, abends ein paar Seiten, nicken Sie ruhig betroffen: Sie haben ja Recht.

Und ich lese alles, wirklich alles, von Agatha Christie bis Shakespeare, je nachdem, welche Dosis an Lektüre, inhaltlicher Dosis, ich gerade brauche. Brauche ich also die angenehme Langeweile der Spießigkeit nach einem chaotischen Tag: Agatha Christie, hier ist die Welt in Ordnung, schon nach der ersten Seite weiß man, wer der Mörder ist: Der mit dem schlechtsitzenden, billigen Anzug, der seinen Tee ohne Milch trinkt. Und nach einem eher schönen Tag Shakespeare als krönendem Abschluss.

Rücksicht nehme ich schon lange nicht mehr, egal, wo ich schlafe, oder mit wem, ich habe immer ein Buch dabei für die Nacht. Es ist mir auch egal, ob der Andere, die Andere, lamentiert, ich setze mich da durch. Oder lese heimlich, wie damals in der Kindheit, wenn das Spektakel und die Vorwürfe über meine Sucht gar nicht enden wollen. Oder man fordert eine eigene Wohnung oder verlässt mich am Schluss, auch das ist mir schon passiert, ich stelle mir das Leben mit einem Vordemeinschlafenleser auch schwierig vor. Und wenn erst beide dieser Sucht frönen…Obwohl: Das habe ich noch nicht erlebt.

Oft freue ich mich den ganzen Tag auf mein Buch, ich denke schon morgens daran: Irgendwann heute liegst Du im Bett mit Deinem Buch. Wenn mancher, der auf meinen Nerven herumturnt, wüsste, wie banal, mit welchen einfachen Mitteln, ich meine weltberühmte Gelassenheit behalte, man würde mich wohl öfters ohrfeigen, denn ich denke einfach nur: Rede Du nur, schreie Du nur, schreibe Du nur, irgendwann liege ich im Bett mit meinem Buch und meiner Ruhe. Das kann nur eine höhere Gewalt, wie Krankheit oder Tod, verhindern. Auch nicht, mir das Buch zu stehlen, es zu vernichten: Ich ginge nachts los, um an der Tankstelle Lektüre zu kaufen, oder bräche in eine Buchhandlung ein, irgend etwas fiele mir ein.

Natürlich habe ich versucht, mir das abzugewöhnen, erst durch Verringerung der Dosis, dann durch radikalen Entzug, als eher schwacher Charakter schlug das kläglich fehl. Und eine professionelle Behandlung: Nun, ich habe das einmal gelesen, abends, in einem Buch, der Autor schrieb: „Die Psychologen haben einen Fachausdruck für mich, und ich einen für die Psychologen“, – das ließ mich lächelnd einschlafen.

Es stimmt: Ich schäme mich furchtbar für meine Schwäche, es hat mir aber geholfen, es einmal ausgesprochen zu haben, ich danke Ihnen für Ihr Zuhören. Zulesen. Das tat gut, vielleicht ist es ein erster Schritt. Falls nicht, und falls die Kritiken zu dieser Kolumne böse bis bösartig, vernichtend sein sollten:

Heute Abend wartet Simon Borowiak auf mich, der damals noch Simone hieß, sein Buch: „Ein Zug durch die Gemeinde“, oder Agatha Christie, oder Shakespeare, und Ihnen so gesehen einen

schönen Tag.