Pinocchio

Grafik: Lena Knaudt

Die meisten werden sie kennen, die berühmte Figur aus dem Kinderbuch von Carlo Collodi, in dem Buch werden die Abenteuer einer Holzfigur geschildert, unter anderem eine berühmte Geschichte, als Pinocchio eine immer längere Nase wächst, während er lügt. Man soll eben nicht lügen, oder: Etwas versprechen, wovon nicht einmal man selbst glaubt, dass man es halten kann. Ansonsten möge einem schon während des Versprechens eine Nase wachsen lang und länger, gerne aus Holz.

Hier meine ich die vorsätzlich nicht eingehaltenen Versprechungen, die man Anderen so macht, nicht die fahrlässigen, wie ein Eheversprechen, zum Beispiel, bis dass der Tod Euch scheidet, so etwas suggeriert einem ja nur der „vom Geschlechtstrieb umnebelte Intellekt“, wie Schopenhauer das genannt hat. Ich meine Versprechungen, von denen man in dem Moment, in dem man sie abgibt, schon weiß: Das kann ich nicht halten, werde ich nicht halten, am schlimmsten: Will ich gar nicht halten. Ganz zu Unrecht wird zwischen einem Versprechen und einer Lüge unterschieden, in dem Moment, in dem man ein unhaltbares Versprechen dolus direktus abgibt, lügt man.

Die bekannteste Gruppe der Lügner sind natürlich die Politiker. keine Mehrwertsteuererhöhung, so etwas, aber denen glaubt ohnehin kein vernünftiger Mensch irgend etwas, außer: Dass sie ständig alles, aber auch alles tun werden um an der Macht zu bleiben. Und das ist auch der Hauptgrund, warum Versprechungen gemacht werden, die dann aber überhaupt kein bisschen gehalten werden: Es geht um Macht, um Anerkennung, derjenige, dem etwas versprochen wird, soll dazu verführt werden, den Lügner anzuerkennen und damit seine Macht. Es geht um Eitelkeit, der Lügner erhält und genießt den kurzen Applaus des Versprechens, des Versprochenen, und es geht, am „Ende des Tages“, wie Verona Pooth, oder wie die Tussie heißt, das nennen würde, um Manipulation. Wie in der Kirche soll ich an etwas glauben, an Armageddon oder an Geschwätz.

Stellt sich heraus, hat also der Dümmste gemerkt, dass ein Versprechen nicht gehalten wird, so folgt das Phänomen der Ausreden, Ausflüchte, der nächsten Lügen. Keine Zeit, das ist die heutzutage häufigste Ausrede, als gäbe es kein Zeitmanagement, über das man sich schlichter weise vor der Abgabe eines Versprechens kurz Gedanken machen sollte, wenn man denn die Zeit dazu findet. Man steckte in einer persönlichen Krise, das wird auch gerne gewinselt, nun: Jemand, der dazu neigt, von einer Krise in die nächste zu torkeln, der sollte auch nichts versprechen, außer das Eintreffen seiner nächsten Krise. Etwas dazwischen gekommen, also: der Goldhamster hatte Schnupfen, – wer in schwierigen familiären Verhältnissen lebt, der sollte: nichts versprechen. Wer also beispielweise weiß, dass er seine Zeit nicht intelligent strukturieren kann, oder zu Psychokrisen tendiert, oder in schwierigen Verhältnissen lebt: Nichts versprechen, bitte. Nicht lügen.

Es ist ja vollkommen egal, mir zumindest, wenn sich jemand ständig selbst belügt, aber wenn er Andere belügt, so richtet er damit Schaden an, zumindest bei mir. Ich werde wütend, bin enttäuscht, werde traurig, was weiß ich, und dazu habe ich keine Zeit, es ist außerdem gefährlich für meinen labilen Seelenzustand und hat somit Auswirkungen auf die ohnehin katastrophalen Verhältnisse, in denen ich leben muss. Bitte nicht anrufen, um mich zu trösten oder um mir den letzten Rest zu geben: Ich merke mit meinen 46 Jahren und wegen der in diesen Jahren gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen meistens schon während der Abgabe eines Versprechens, ob der Andere das halten wird, und kann mich rechtzeitig darauf einstellen. Mich auf einen solchen Geck eben überhaupt nicht verlassen, nicht gemeinsam mit ihm planen, aber auch gar nichts, was mir am Ende schaden könnte. Einmal ganz davon abgesehen, dass ich oft meine Intelligenz beleidigt fühle, so wenig Mühe geben sich manche beim Lügen.

Und es wächst ihnen keine lange Nase, wie dem lieben Pinocchio, schade, wie ich finde, und sollten Sie heute etwas versprechen oder etwas versprochen bekommen: Fassen Sie sich gelegentlich an die eigene Nase und beobachten Sie die des Gegenübers ein wenig, vielleicht sehen Sie Holz, das lang und länger wird, bemerken es nur nicht sofort, – vor allem aber:

Einen guten Tag.