(K)ein Wuppertal

Grafik: Lena Knaudt

Als ich die ersten Mails einer lieben Freundin aus Österreich erhielt, endete sie immer mit: „Grüße ins Tal“, ich habe mir nichts dabei gedacht, einfältig, wie ich oft bin, bis sich aber herausstellte, dass sie Wuppertal für ein Tal hielt, und nicht für eine Großstadt, von der es, an der Einwohnerzahl gemessen, in Österreich nur drei oder vier gibt. Wuppertal eine Art Schlucht, so sind sie, die Österreicher, sie sagen: „Warten wir, wie es sich ausgeht“, und, wenn sie jemanden besonders sympathisch finden: „Er soll in Oarsch gehen“, oder: ein Mail, nicht eine, oder „schiach“ statt: eklig, und man trägt dort Badeschlapfen im Sommer, ein schlechter Torwart ist: ein Eiergoalie…Ich liebe diese Sprache sehr.

Darum geht es aber nicht, auch nicht darum, dass sofort mein Lokalpatriotismus auflammt, wenn jemand Wuppertal- Oberbarmen noch nicht begeistert bereist hat. Wuppertal ist eine durchschnittliche deutsche Großstadt, ca. 400. 000 Einwohner, sie sieht ein wenig zerstückelt aus, weil ein Genie auf die Idee kam, mehrere Städte planlos in einer Kommunalreform zusammenzufügen, auffällig und erwähnenswert ist die berühmte Schwebebahn, die hohe Sektendichte pro Einwohner, – die höchste in der Bundesrepublik, – und der viele Regen, er fällt, mal warm, mal kalt, 400 Tage im Jahr. Regen, Spinner, Schwebebahn, dafür sind wir berühmt.

Etwas Besonderes wird diese Stadt für einen selbst doch nur, wenn man dort lebt. Sie wird einem vertraut, man passt sich ihr an, man will nicht fort und sich nicht woanders vorstellen, wenn man einigermaßen zufrieden ist mit seinem Leben. Man ist ein Teil dieser Stadt, unbewusst beeinflusst man das Tagesgeschehen, wenn auch nur, indem der Busfahrer morgens auf einen warten muss, oder die Verkäuferin im Stammlebensmittelgeschäft schon wieder nach hinten in die Metzgerei laufen muss, weil Herr Wupperzeit um 19.45 Uhr noch etwas vergessen hat, was er jetzt unbedingt braucht, oder der Wirt in der Stammkneipe ginge pleite, ohne die abendlichen Besäufnisse des Herren W., oder auch nur, weil ein Fußgänger in der Fußgängerzone ausweichen muss, der Ablauf ist gestört für einige Sekunden…

Von allen diesen Dingen und ihrer Wichtigkeit, wenn auch nur im Kleinen, wüsste meine österreichische Freundin aber gar nichts, wenn sie mich nicht zufällig kennen gelernt hätte, sie hätte 400. 000 Menschen einfach nicht registriert, hatte sie jedenfalls nicht, hätte sie vielleicht nie in ihrem Leben, die Stadt wäre für ihr Leben völlig unwichtig gewesen. Jetzt horcht sie natürlich auf, wenn, beispielsweise, ein Irrer hier einige Stadtteile in die Luft jagt, weil ihn seine Mutti nicht lieb gehabt hat, und sie denkt: „Hoffentlich ist dem lieben W. nichts passiert…“. (Äh…, ich hoffe, sie denkt das…). Die Stadt ist also wichtig für sie, weil sie sie personifiziert, Herr W. lebt dort, und ich denke genauso über die Schlucht, in der sie lebt.

Deshalb verreist man ja auch: Ein Urlaub vom eigenen Ich und seinen Grenzen, die der Alltag ihm zieht, auch die Ortschaft, oder heißt es: „Örtlichkeit“?, aber das klingt ein wenig nach: Sie wissen schon. Aber schön wäre es, wenn man ab und zu die eigene Wichtigkeit, die des eigenen Alltags, den man sich in einer, beispielsweise: Stadt zusammengelebt hat, durch, sagen wir: ein Mail relativieren ließe, ohne zu verreisen oder umzuziehen, ohne zu sterben, natürlich.

Guten Tag.