Ein Idiot

Grafik: Lena Knaudt

Wenn das Telefon läutet, Sonntags, Sonntagmorgens…Nun, sie war am Telefon, Freundin, ob ich das gelesen habe, Jubiläum unseres Einkaufszentrums, deshalb Verkaufsoffener Sonntag heute, und ob ich mitginge, mitgehen würde, auf einen Kaffee. Nein, natürlich nicht, zwei Alarmwörter, die ein „Nein“ automatisch bei mir auslösen, nämlich die Kombination von „verkaufsoffen“ und „Frau“, also: ich habe schon etwas vor, was denn jemand wie ich vorhabe, ich sei schon verabredet, wer sich denn mit mir freiwillig verabrede an einem Sonntag, außer ihr, also: 16.00 Uhr am Hauptbahnhof, Bahnhofsbücherei.

Tatsächlich war sie schon um 16.30 Uhr da, atemlos, sie hatte sich extra meinetwegen beeilt, Sonnenstudio, liegt ja auf dem Weg, und fast hätte sie sich verbrannt wegen meiner ewigen Hetzerei, warum ich so unfreundlich schauen würde, schon wieder schlecht gelaunt, oder wie, bei dem Wetter, und ich selbst bin von den Frauen, mit denen ich zusammen leben durfte, eine Weile, viel zu gut erzogen worden, um auf so etwas zu antworten, und habe eine Strategie entwickelt mit der Zeit, die lautet: Schweigen, Thema wechseln, das Beste daraus machen. Also noch schnell bei der Bank vorbei, das hättest Du auch vorher machen können, gleich bekommt man nirgendwo einen Platz, ja, ich weiß. Ich weiß.

Ganz Wuppertal war zum Jubiläum erschienen, zusätzlich die Bewohner der benachbarten Städte einschließlich Münster, es war laut, stickig, eng, warm, genau, wie ich es mag, aber manchmal glaube ich: Es gibt einen Gott, der mich beschützt und andere Menschen nicht so sehr, wenn es auch nur um so profane Dinge geht wie die Suche nach einem freien Platz in einem Cafe, jedenfalls fanden wir einen Platz in der dritten Etage der so genannten Galerie, neben zwei älteren Damen. Nichtraucherinnen, ob meine Freundin bitte den Aschenbecher ein wenig beiseite stellen könne, setzen Sie sich doch woanders hin, und mein Blick wechselte ständig zwischen dem strahlend blauen Himmel über der Galeriekuppel, ins Paradies also, und meiner Freundin, wie sie den beiden Damen Rauch ins Gesicht blies. Herrgott, lass doch die Omas in Ruhe, zischte ich ihr zu, und sie: Du sollst den Namen Deines Gottes, – gelegentlich erinnert sie sich daran, dass sie Pastorenenkelin ist. Gelegentlich. Gelegentlich.

Nicht so im „Tschibo“, die haben da ein neues Sortiment, und ihre wie hingeplauderten Worte, findest Du nicht, dass jeder zweite Wuppertaler wie ein kompletter Vollidiot aussieht, und warum sieht man eigentlich gerade in Wuppertal so viele Idiotengesichter, jedenfalls schienen zwei Gorillas mit unglaublich brutalen Gesichtszügen ganz gespannt auf meine Antwort zu sein. Zwar habe ich früher geboxt, wenn auch nur auf Kneipenschlägerniveau, einzige Trophäe: ein doppelt gebrochenes Nasenbein, aber, unter uns: Stellen Sie sich so ein angenehmes Sonntagsvergnügen vor, sich in einem Kaffeeladen mit zwei Amateurcatchern herumzuprügeln, selbst wenn Sie gewinnen sollten? Falls die Antwort „Ja“ lauten sollte, glaube ich nicht, dass Sie zu der Zielgruppe gehören, die ich mit meiner kleinen Kolumne ansprechen möchte: Tut mir leid.

Um es kurz zu machen: Wir waren dann noch in einer Drogerie, eine Stunde lang Kaffeefiltertüten kaufen, wir haben auch in der Abteilung für Damenunterwäsche gesucht, da gäbe es ja einen gewissen Zusammenhang zwischen Damenunterwäsche und Kaffeefiltern, wurde mir erläutert, aber das ist hier eine Jugendkolumne, lassen wir diese Aussage einfach einmal als These stehen. Jedenfalls standen wir irgendwann im Morgengrauen wieder am Hauptbahnhof, Tschüss dann, bis Mittwoch, aber sei dieses Mal pünktlich.

Am Mittwoch wollen wir ein Buchantiquariat besichtigen, 17.30 Uhr Werther Brücke, unser Treffpunkt, und falls Sie nett sein wollen, und mich dort stehen sehen: Bitte schießen Sie mich an, fahren Sie mich an, was auch immer, ihre Bemerkung: Wissen die eigentlich in diesem Idiotenforum, dass Du Agatha-Christie-Fan bist, darauf freue ich mich überhaupt nicht, und Ausreden werden in meinem Freundeskreis leider nicht akzeptiert, wie Sie in der Einleitung lesen konnten. Verletzten Sie mich aber bitte nicht zu sehr, ich brauche nur eine Pause bis Sonntagabend, dann muss ich nämlich in diesem Idiotenforum wieder eine Idiotenkolumne veröffentlichen, weil sich außer einem 45jährigen Idioten momentan sonst niemand zu finden scheint, der das macht. Machen will. Und überhaupt.

Guten Tag.