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Milchkaffee

Foto: Leli

Die Bedienung brachte endlich den Kaffee, es war eine Ehre, hier bedient zu werden für sein schäbiges Geld, eine Ehre, auf die es sich zu warten lohnte, eigentlich war die Bedienung ein Fotomodell oder eine verzauberte Prinzessin, und der Milchkaffee kein Milchkaffee,  sondern etwas mit französischem oder italienischen Namen, große weite Welt in lauwarmer Brühe, aber sie wollte sich unbedingt hier mit mir treffen, in diesem Designerquatsch, unbequeme Stühlchen und klapprige Tischchen, obwohl ich diese Omacafés so sehr liebte, mit den geblümten Stühlen und den tiefen Teppichen und die Bedienung ist  alt wie vieles und also ein wenig staubig, wie die Fenster, zum Beispiel, und es gibt schwarzen Kaffee  oder Kaffee mit Milch und fette Torten, aber sie wollte hier hin und ich verstand und versuchte zu verstehen, immer noch für einen Moment.

Wir standen nicht mehr gemeinsam auf, seit drei Tagen, sie blieb liegen an den ersten beiden Tagen, und heute bin ich früher aufgestanden als sonst, um ihr zu zeigen, dass ich verstanden hatte oder noch versuchte zu verstehen. Jedenfalls stand sie sonst morgens mit mir zusammen auf, 3.00 Uhr früh, damit ich nicht alleine sitzen musste bei Kaffee und Zigaretten, bis ich die Müdigkeit besiegt hatte und zur Arbeit eilen konnte. Sie hätte das nicht gemusst, wie nichts, da ihr Tag erst später begann, wie alles, aber sie tat es als Versprechen und ich verstand es so. Ich bin morgens für Dich da, heute Abend also wieder und nachts, und morgen dann wieder. Vielleicht, doch es ist, als ob ich auf Dich warten würde. Und ich habe sie geliebt für diese Geste, wie sie dasaß, tapfer ihre Müdigkeit niederkämpfend, und wie sie ihre Croissants eintauchte in ihren dünnen Kaffee. Milchkaffee, und ich trank ihn auch, und aß ein weiches Brötchen, statt wie früher: schwarzer Kaffee, und ich rauchte nicht mehr dazu. Und sie mochte keinen Kaffee und wird ihn nie mögen, niemals und nie. Eine Geste, und eine Liebe ohne Gesten ist ja gar keine, sie ist Geschwätz oder ein anderes Wort, das mir egal ist, bedeutungslos, schon lange, genau gesagt: seit ich sie kannte. Hatte ich alles und nichts gefunden. Heute Morgen war ich schon fertig um 3.00 Uhr früh, und als sie mich ansah sagte ich: „Bleib ruhig liegen, ich muss heute früher los.“

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Nunja

Grafik: Lena Knaudt

Nunja,…wie die Dinge ihren Reiz verlieren, wenn man sie trennt, und wenn man sie auch nur trennt, um eine Ordnung herzustellen, wieder herzustellen, nach Regeln, an die man sich gewöhnt hat oder gewöhnen musste, aber die Dinge verlieren ihren Charme, ihren Sinn, ihren Wert, meinetwegen, und am Ende ist alles Inordnung und es Istnichts und es ist ein Nun und ein Ja.

Und ich verstehe nichts von Autos, und interessiere mich nicht für sie, selbst für die nicht, die ich selbst fahre, und oft weiß ich weniger über sie als über mich selbst. So hatte ich mir einmal einen Wagen geborgt, das ist eine längere Geschichte, eine andere Anekdote. An dem Abend, ich hatte ihn etwa zwei Wochen gefahren, da musste ich abends noch tanken, und an der Tankstelle war ich der einzige Gast. Müde war ich damals, ständig todmüde, und vieles musste ich erledigen wie ein Automat, auch das Bezahlen an der Tankstelle, und weil ich immer vergesse, mir die Nummer der Zapfsäule zu merken, sagte ich eben:

„Der rote Peugeot, was macht das, bitte“, zählte dabei mein Geld, – oder: was man so macht.

Aber dieser Blick der Kassiererin, so seltsam sah sie mich an, so misstrauisch, und ich fragte:

„Stimmt etwas nicht“, denn es stimmt ja ständig irgendetwas nicht, vor allem, vor allem nicht, wenn es um Geld geht, am Schluss.

„Das ist kein Peugeot, das ist ein Renault“, und ich weiß nicht mehr, was ich dachte bei dieser Antwort, meistens denke ich: Albernedetails, wie schön wäre das Leben ohne diese albernen Details.

„Wie auch immer: wenn es dadurch billiger wird“, ganz bezaubernd: mein Lächeln dazu, und dieser Charme, und die Dame überlegte kurz, ob sie das Angebot annehmen sollte, Lächeln und Charme, aber billiger wurde es dadurch natürlich nicht, und als ich wieder in dem Rotenauto nach Hause fuhr, dachte ich darüber nach, dass es noch Ärger geben könnte, heute. Spektakulären Ärger, eben.

Ich lebte nicht alleine, damals, Diedings war bei mir, und ich musste nichts sagen, wenn ich nach Hause kam, nur etwas sprechen, aber auch nicht zu viel:

„Kann sein, dass es noch Ärger gibt, heute, ich war gerade tanken, und die Kassiererin hat wohl geglaubt, ich hätte das Auto geklaut.“

„Ach, ja?“

„Ja, ich wusste die Marke nicht, ich dachte es wäre ein Peugeot, ist aber anscheinend irgendetwas anderes. Und mein Charme hat nicht gewirkt.“

„Wirklich nicht?“,

und es war mir egal, was sie dachte, weil ich es wusste, dabei: Sie sah nicht einmal auf von ihrer Zeitung, die Katze auf dem Schoß, und ich machte mir einen Kaffee, sie machte nie irgend etwas für mich, also morgens rasieren oder die Schnürsenkel zubinden oder solche Details, und ich dachte noch, wie schön es wäre, wenn die Katze unsere Sprache könnte, dann bräuchte ich nichts mehr zu sprechen zu Hause. Und die Katze könnte uns erklären, was hier falsch lief, und was richtig, und, klug, wie sie ist, und klug, wie sie war: ohne Details.

Denn ich dachte auch noch, dass es vielleicht doch keinen Ärger mehr gäbe an diesem Abend, nicht alle Geschichten gehen übel aus, in denen Charme nicht wirkt, und nicht alle Anekdoten gehen gut aus, in denen er gewirkt hat, oder gewirkt hatte: wie bei Derdings.

Aber wie das ausging an diesem Abend, genau weiß ich es nicht mehr, ich glaube, es gab keinen Ärger mehr, keinen spektakulären, wie Polizei und Blaulicht und Handschellen und so, nur den üblichen, den Keinkaffee, das Sprechenmüssen, aber das ist heute vorbei, sie ist weg, Diedings, schon lange, nur die Katze ist noch da, aber sie spricht kein Wort, keines in unserer Sprache, jedenfalls, und was aus dem Auto wurde, das weiß ich auch nicht mehr so genau, alberne Details, aber falls ich mir ein wenig Zeit zum Überlegen lassen würde, fiele mir die Marke wieder ein, und falls ich mir ein wenig Zeit zum Nachdenken gönnen würde, auch der Name von Diedings, und wie sie da saß, mit der Katze auf dem Schoß. Zeitung lesend und kein Kaffee für mich.

Aber die Kassiererin hat das zu Hause ihrem Mann erzählt, da war einer bei uns, heute, der wusste nicht einmal, was für ein Auto er fuhr, und zuerst wollte ich die Polizei rufen, bestimmt war der Wagen geklaut, aber ich wollte keinen Ärger, und der Mann hat gedacht: keinen Ärger, und ich könnte mir auch mal wieder ein neues Auto kaufen. Und wie müde sie wieder aussieht, aber ihr einen Kaffee zu kochen, dazu habe ich keine Lust. Mit dem Hund könnte ich kurz rausgehen, es regnet gerade nicht.

Nunja, so weit diese kleine, im Nachhinein erzählt vermutlich kein bisschen lustige Anekdote,- aber Anekdoten sind ja nie lustig, wenn sie keine sind, und wenn man sie im Nachhinein erzählt: schon gar nicht.

Nachts

Damals saß ich oft auf dieser Bank, und ich kann mich erinnern: es war eine dunkle, kühle Nacht, obwohl mitten im Sommer, aber eine Jacke brauchte man schon um diese Zeit. Von dieser Bank aus konnte man über die ganze Stadt sehen, ohne selbst gesehen zu werden,  aus Städten und aus der Stadt, das habe ich damals sehr geschätzt.

Er kam gegen 23.00 Uhr, den steilen Weg entlang, der zu dieser Bank führte, er war nicht groß, zu hellen Leinenhosen trug er einen dunklen Mantel, und von weitem sah ich: Gleich spricht er mich an, und ich spürte das, obwohl er mich nicht musterte, während er auf mich zuging, er hielt den Kopf mit den langen grauen Haaren gesenkt.

„Montags lese ich immer den „Spiegel“, sagte er, während er sich setzte, „schon seit Jahrzehnten, es ist wie eine Sucht, immer will ich wissen, was die Mächtigen und Ohnmächtigen so machen, als Analyse, das leisten die Nachrichten ja nicht.“

Er gab mir Gelegenheit, etwas zu sagen, oder aufzustehen und fortzugehen, indem er sich eine Zigarette anzündete, aber ich war so müde in dieser Zeit, zu müde, um nach Hause oder sonst wohin zu gehen, ich brauchte noch eine Zigarette, ich brauchte noch ein paar Minuten.

„Da habe ich letztens etwas gelesen“, fuhr er fort, „über merkwürdige Tiere, die in Afrika leben, sie gelten als die hässlichsten Tiere der Welt. Sie leben unterirdisch, in stark kohlendioxidhaltiger Luft, das erklärt einiges aus ihrem Leben, aber nicht alles. Etwa tausend auf ein paar Quadratmetern, in einer Art Staat, also hierarchisch, mit einer Königin als Regierung. Diese pflanzt sich als einzige fort, aber wenn sie schwanger ist, wachsen allen Mitgliedern des Staates Milchzitzen, auch den Männchen. Die Tierchen arbeiten den ganzen Tag, kein schönes Leben, nur für die Erhaltung ihrer Art, sie bewegen sich rasend schnell in ihrer Welt, und zwar vorwärts und rückwärts gleich schnell. Ihnen fehlt ein Neurotransmitter, das bedeutet, dass sie keine chronischen Schmerzen empfinden, sie spüren nur den kurzen, spontanen Schmerz, ein englischer Forscher hat das entdeckt. Für sie ist jede schwere Verletzung lebensgefährlich, da sie keine Schmerzen empfinden, pflegen sie ihre Wunden nicht, deshalb hat der Aggressive dort kaum eine Überlebenschance, sie leben fast friedlich miteinander. Dafür interessiert sich natürlich die Pharmaindustrie, ein Milliardengeschäft, wenn man an die vielen Schmerzpatienten denkt.“

Wir rauchten schweigend, und ich versuchte meine Müdigkeit zu überwinden, als ich aufstand,  sah ich ihn nicht an.

„Ein Gentleman kann Akkordeon spielen, macht das aber nicht“, sagte ich, „das habe ich in einem Interview gelesen, auch im „Spiegel“. Und, wenn jemand nur noch Zeit hätte, ein einziges deutschsprachiges Buch in seinem Leben zu lesen, empfiehlt Marcel Reich-Ranicki den „Zauberberg“ von Thomas Mann.“

Es war noch kälter geworden, und als ich nach Hause ging, dachte ich an Neurotransmitter und an Gentlemen, und dass ich den „Zauberberg“ noch lesen müsste, man weiß ja nie.

Heimweh

Und als sie vor dem Bild standen, Magritte: „Heimweh“, fragte er sie, wie gefällt Dir das Bild, und sie sagte, der Löwe muss weg, der Löwe?, fragte er, oder der Mann, sagte sie, der Mann?, oder beide, beide?, fragte er, oder die Lampe, sagte sie, die Lampe?, oder das Geländer, das Geländer?, oder die ganze Brücke, die Brücke?, fragte er, oder der Hintergrund, sagte sie, der Hintergrund?,  denn er ist zu gelb, zu gelb?, fragte er, weil: das Heimweh ist doch wie eine leere Leinwand, leere Leinwand?, fragte er, man weiß nicht: wonach, wonach?, fragte er,  ich weiß das nicht ,sagte sie, Du?, und dann fragte er, willst Du mich heiraten, und sie, sie lächelte, oder sollen wir weitergehen zum nächsten Bild, fragte er,  und sie, sie: lächelte.

Nichts gesagt

Foto: Leli

Die Blumen habe ich sofort gesehen, obwohl sie nicht auf dem Tisch mitten im Wohnzimmer standen, sondern auf der Sidebar, wie versteckt, wie sich meine Katze versteckt bei einem Gewitter, deutlich sichtbar unter einer Decke oder zumindest: erahnbar, aber in dem sicheren Gefühl: Ich sehe nichts, also sieht mich auch niemand, aber ich habe nichts gesagt. Nur gedacht: Wie piefig, rote Rosen, dazu kurzstielige, geizig und geschmacklos als Geschenk, und noch dazu als Symbol; – Astern, blaue Astern, aber das versteht man am Anfang noch nicht, warum Herbstblumen als einzige passend sind als Liebesbeweis, als Geste und so: Aussage, aber ich habe nichts gesagt und mich gesetzt wie immer, eine Zigarette angezündet, und dass die S-Bahn Verspätung hatte, entschuldige, bitte, eine Baustelle, angeblich, es ist ja vieles angeblich, wenn man nichts sagt.

Und sie ist dann aufgestanden und hat sich einen Kaffee geholt, damit ich mich ein wenig erholen konnte vom Anblick der Blumen, und ich wusste: Ein Spritzer flüssiger Süßstoff und fünf Süßstofftabletten gehörten in eine Tasse, zwei Löffel Milch, und ich würde sie nicht anschauen, wenn sie zurückkommt, weil ich dann die Blumen auch anschauen müsste während sie daran vorbeiging, und dann etwas sagen oder fragen müsste, aber ich wollte noch nicht, ich wusste aber: bald oder irgendwann, mit ein wenig Glück. Sie würde auch nichts sagen von selbst, nicht zu den Blumen, wir hatten uns darauf geeinigt, uns endlich zu schonen, ohne zu lügen, und das war eine schöne Zeit, und das war eine schwere Zeit, und: es war eine schöne Zeit. Keine Rechte und Pflichten mehr, nur freiwillige, freiwillig gegebene und eingeräumte, nicht diese Gesetze, die etwas zusammen halten sollen, müssen, was es ohnehin nicht gibt auf Dauer: Liebe, so nennt man das wohl, ich erinnere mich da kaum und will mich auch gar nicht erinnern, an diese ganzen Kriege um ein wenig Gefühl, zum Beispiel: mit ihr, wir hatten uns geeinigt, das einfach zu lassen am Schluss. Und uns nur zu erinnern: Ein Spritzer Süßstoff, und was der Andere wohl fühlen oder denken mag, wenn da plötzlich Blumen stehen, armselig und geschmacklos.

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Jack Daniels

Er rief mich täglich an, furchtbar, wenn Sie mich fragen, und dann redete er mit dieser müden Stimme, wie sie Psychologen haben, oft, oder sonstige Menschen, die alles verstehen, die alles zu verstehen versuchen, alles zu verstehen glauben. Worum es ging: um Kant und Aristoteles, Platon, Jaspers, oft, Psychologie, Soziologie, Kunst, Literatur, zum Beispiel, und am Ende führte alles in die Eschatologie. Haben Sie dieses gelesen und jenes, müde Stimme, Zitate, Meinungen zu allem, kleine Bonmots. Keine wichtigen Themen, nichts über Frauen, Fußball oder Boxen, zum Beispiel, und wenn doch: Mitscherlich, Handke oder Wondratschek. Mich hat vorhin Jack Daniels angerufen, sagte ich gestern, er wartet auf meinen Rückruf, es ist dringend, es geht um sein neuestes Werk, um meine Meinung dazu. Er kannte ihn nicht, eigentlich kennt er niemanden und nichts, aber er recherchiert, natürlich: vielleicht ruft er deshalb heute nicht an, morgen nicht und nie wieder.

Glück

Foto: Leli

Er erwachte vom Geklapper eines Geschirres, und er dachte, solche Frauen machen immer Frühstück, mit drei Sorten Marmelade oder so, und ich hätte gestern doch nicht bremsen sollen, aber was kann sie dafür, dass sie Frühstück macht nach solchen Geschichten, drei Sorten Marmelade, Trockenobst und Orangensaft, und er sagte leise: „Trockenobst, verdammt.“ Oder dachte es, zumindest.

Sie hatten sich vor dem Zoo verabredet, er ging mit Frauen gerne in den Zoo, beim ersten Mal, man musste nicht so viel reden, nicht so viel verraten von sich. Meist sagte er nur, meine Lieblingstiere sind Katzen, und Vögel mag ich nicht, und tatsächlich hatte er Angst vor Vögeln, dieses unruhige Geschnatter und Geschwirre in den Käfigen, jedenfalls hoffte er, dass die Frauen dann dachten: Er mag intelligente, ruhige, aber immer gefährliche Tiere, so ähnlich wird er selbst wohl auch sein. Meist hatten die Frauen Lieblingstiere, denen man auch eher weibliche Attribute zuschreibt, Katzen als erste Gemeinsamkeit, und natürlich immer wieder die Schlangen, biblisch, und die ganzen niedlichen Tiere, Hasen in jeder Form und so für die Realität. Oder umgekehrt. Kamele, einmal war er mit einer Frau unterwegs, die Kamele mochte, aber das ist eine andere Geschichte.

Sie mochte Elefanten, sagte sie zumindest, und er machte ein Foto von ihr vor den neugeborenen Bullen, und sie lachte, als einer sie anstubste mit seinem Rüssel, sie in ihrem weißen Kleid. Was soll sie machen, dachte er, natürlich lachen, wer verpasst einem Elefantenbaby schon eine rechte Gerade, wenn es einem das Kleid versaut, aber er sah in ihren Augen: einen kurzen Moment hatte sie daran gedacht, kurzer, trockener Schlag ohne Ansatz zwischen die Augen, vielleicht bekommt es ja niemand mit. Aber ihr Lachen, nicht zu hell und dunkel genug, um gehört zu werden, und nicht lang, abgeschlossen von einem Lächeln: Hast Du gesehen und gehört, ich habe gelacht.

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Am See

Als er kam saß sie schon auf der Bank am See und ließ Steinchen springen über das Wasser. Steine, es regnete leicht und langsam wurde es: dunkel. Als er sich zu ihr setzte sagte er etwas, wie: Ich habe mich verspätet. Und sie sagte etwas, wie: Nichts. Und ließ Steinchen hüpfen über das Wasser. Wie Steine.

Selbstrotation, dachte er, die Steine müssen in Rotation gebracht werden, sonst gehen sie unter. Ellipsoidenform, flacher Winkel zum Wasser, Geschwindigkeit. Bei jedem Aufprall auf das Wasser verliert der Stein an Energie, schließlich taucht er unter.

Dann sagte er es.

Sie: Ja. Kann sein.

Er dachte: Seen trocknen aus mit der Zeit, Verdunstung und menschlicher Einfluss, und am Ende bleiben Steine übrig am Grund. Steinchen. Die hebt der Irgendjemand auf  und baut daraus etwas, vielleicht, ein Haus, dann eine Stadt, ein Land, eine Welt. Es leben Menschen in den Steinchen und Steinen. Die: leben, – dann führen sie Kriege, verhungern oder verdursten, so etwas, bis alles zu Staub wird und wieder zu Gestein. Am Ende regnet es und es entsteht wieder ein See. Vielleicht ein See.

Schon Homer hat über das Steinchenwerfen geschrieben, sagte er, man nahm Austernschalen dazu.

Sie lächelte. Ein wenig.

Die Beduinen nehmen den Sand als Unterlage, und die Inuit das Eis, sagte sie, aber es regnet jetzt nicht mehr.

Sie warf einen großen Stein in das Wasser, der schnell versank. Dann standen sie beide auf und gingen in die Stadt, Hand in Hand, um etwas zu essen. Oder so etwas. Dabei sprachen sie über neue Filme und Bücher, am Ende des Tages über das Wetter.

Aberglaube

Eine Anekdote, wie man viele erzählen könnte aus diesen dunklen Zeiten, die Geschichte begann im Jahre 1945 oder 1946, so genau weiß ich das nicht mehr. Im Haus meiner Urgroßeltern, um genau zu sein, einmal, in dessen Überresten, um noch präziser zu sein. Das Haus war zerbombt worden, meine Urgroßeltern von einer Evakuierung nach Pommern zurückgekehrt, sie standen an diesem Abend in den Resten ihres Hauses, mit den Überresten ihrer Familie, – es waren nicht mehr so viele. Menschen.  Am Anfang des Zweiten Krieges hatten sie elf Kinder gehabt, mit deren Ehegattinnen, Ehegatten und deren Kindern circa sechzig Personen, jetzt lebten noch fast vierzig, vielleicht ein paar mehr. Oder weniger. Die standen nun in den Ruinen, trotzdem war es still, sehr still, wie man sich denken kann, eine stille Trauer. Oder eine stille Verzweiflung, wenn Sie so wollen. Bis das Miauen einer Katze die Stille durchbrach, als Erlösung, natürlich, die Klage und die Verzweiflung wie Trauer in diesem Schrei. „Da hast Du Recht, Mietz, es ist auch alles mau“, so meine Uroma, „ komm` herein, wenn Du willst:  gehörst Du jetzt zu uns.“ Die Katze hat das meiner Urgroßmutter nicht vergessen, nennen Sie es Aberglaube, dass die Kreatur oft dankbarer ist als der Mensch, oder finden Sie eine natürliche Erklärung, aber: in den Hungerjahren, die folgten, brachte sie von ihren Jagden lebende Tiere mit, sie wollte meine Urgroßmutter füttern, später, in den Wohlfahrtsjahren, nur noch tote Beute als Trophäe. Als Trophäe also. Bis meine Uroma sagte: „Ist gut, Mietz, kannst Du selber essen…“ Und die Wohlfahrtsjahre kamen, die materiellen, in den sechziger Jahren, fast erarbeitete man sich den früheren Reichtum zurück. Schließlich starb meine Urgroßmutter, mein Urgroßvater zwei Wochen später: der Schmerz des Verlustes war für ihn nach sechzig Ehejahren zu groß, obwohl er viele Tote betrauert hatte in seinem Leben, man kann sich das denken. „Einfach weg gegangen ist sie“, so seine letzten Worte, aber das ist eine Anekdote, die ich ein anderes Mal erzählen möchte, vielleicht. Oder nennen Sie es Aberglaube, dass jemand vor Kummer sterben kann, auch wenn er alle Trauer der Welt schon erlebt hat zuvor.  Jedenfalls lebt die Katze jetzt bei mir, ich habe ihre Treue und Liebe geerbt, so könnte man sagen. Seit Jahren geht sie nicht mehr zur Jagd, sie ist zu alt, alt wie eine ganze Welt, natürlich. Ich jage für sie in Supermärkten mit Geld, aber sie streunt noch herum, wie Katzen so sind. Es geht ihr gut, nach allem, was sie erlebt hat, hat sie ihren Frieden gefunden am Schluss, wenn es den überhaupt gibt. Allein, heute Morgen brachte sie einen lebenden Vogel mit von ihrem Streifzug durch die Nacht, es war gegen acht Uhr, glaube ich, und nennen Sie mein Erschrecken abergläubisch, aber… Merkwürdig, eigentlich, man könnte daraus folgern, dass es jetzt bald Frühling wird, die Vögel kehren aus dem Süden zurück. Oder dass sich die Verhältnisse doch nicht bessern werden in absehbarer Zeit, nicht so, wie es uns übermittelt wird fast täglich. Oder dass sich nur mein Zustand verschlechtern wird oder schon verschlechtert hat, als Urenkel meiner Zeit. Oder: Dass der Aberglaube Recht hat gegenüber der Anekdote als letztem Schluss.

Bahnfahrt, nachts

Bahnfahrt, nachts:

Grafik: Leli

Dann, endlich, die Rheinbrücken, Köln, der Dom, „und so erbauten sie Dome…“, tatsächlich, das große Wort von Benn, und natürlich haben sie das geahnt: im Zeitenstrome bröckelt der Fels zurück, aber nicht geglaubt, das ist eben der Unterschied, Glaube, Wissen und Ahnung, und am Ende siegt immer der Glaube knapp vor der Ahnung. Der Glaube an Rituale und Symbole, Kölner Dom, Rheinbrücken, und man glaubt: an ein zu Hause und Heimat und an ein großes Wort.

Während Andere an Anderes glauben, so wie der Schaffner, an seine Aufgabe,an sein Ritual, und jetzt den farbigen Mitreisenden kontrolliert zum dritten Mal auf der kurzen Strecke zwischen Frankfurt und Köln, und man selbst reicht sein Ticket herüber, auch zum dritten Mal, weil man nicht diskriminiert werden möchte als Deutscher und als Weißer, man will auch als gefährlich gelten oder als kriminell, wenigstens in den Augen des Schaffners, oder der Deutschen Bahn, die er zu vertreten glaubt, ein Glaube wie an die Kraft eines Domes, dreihundert Jahre ein Stück, wissend im Zeitenstrome, oder bei der nächsten Rationalisierung, und dann können wir uns zu dritt kein Ticket mehr leisten, oder werden dessen verdächtigt und bilden eine Gemeinschaft, so schnell kann das gehen, in den Zeitenströmen, und für einen Zeitenstrom,und die anderen Mitreisenden schlafen weiter, während der Schaffner kontrolliert, oder ist es der dritte Schaffner, der immer den selben weckt, und:

Andere schlafen lässt:sie schlafen weiter, erschöpft von Gesprächen, zwischen Nürnberg und Frankfurt, und man selbst ist noch wach, in einem Gedanken, der noch ungelöst ist und erlöst: Was ist schlimmer, Liebeskummer oder Zahnweh, und ob sie schon schläft, und wen sie alles angelächelt hat und bezaubert, heute, und so: ein unerlöster Blick auf die Rheinbrücken, auf den Dom. Auch nur Rituale, Liebeskummer und Zahnschmerzen, das geht ja vorbei, und ihr Lächeln: auch nur ein Symbol, Hoffnung und Ahnung und dann: Ritual. Im Zeitenstrome, aber: man soll mich nicht so oft wiederholen, das langweilt und ermüdet nur: ein Publikum, Andere, dann: einen selbst.

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