Archiv des Autors: wupperzeit

Ein Verein

Geschrieben 2011

Soll einer sagen, wir machen nichts.

 

Grafik: Lena Knaudt

Sollte man spenden oder eher nicht spenden zum Erhalt des weiteren Betriebes des Literaturinternetforums KeinVerlag de., – so fragt im fast gleichnamigen Thread der Eigentümer dieser Plattform, Jan Zenker, und listet die Kosten, und insbesondere seinen Eigenanteil an diesen Kosten auf. Eine interessante Frage…

Für sich selbst beantwortet haben diese Frage zumindest die Mitglieder des Vereines KeinVerlag e.V., die durch einen Teil ihrer Mitgliedsbeiträge zur Finanzierung der genannten Kosten beitragen: etwa ein Drittel der Kosten werden durch diese Mitgliedsbeiträge getragen. Der Betrag, den der Verein an das Forum abgibt, errechnet sich prozentual aus den Mitgliedszahlen, und zwar aus der Anzahl der Mitglieder, die zu dem Zeitpunkt der Berechnung den vollen Mitgliedsbeitrag bezahlen, einen ermäßigten, oder eben gar keinen. Wie in den meisten Vereinen heutzutage üblich, sind auch die Mitgliedsbeiträge des Vereines KeinVerlag e.V. in diesem Sinne gestaffelt. Als eine kleine Gegenleistung für dieses Engagement stellt der Eigentümer des Forums die Autorenseiten der Vereinsmitglieder werbefrei.

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Weihnachtsplätzchen

Grafik: Lena Knaudt

Kürzlich habe ich selbstgebackene Weihnachtsplätzchen zugeschickt bekommen, von einer jungen Autorin, die ich durch die Jugendarbeit kennen gelernt habe, und ich habe eine Mail geschrieben an eine Bekannte, die sich über meine Zugehörigkeit zu unserer kleinen Gemeinschaft immer ein wenig lustig macht: Siehst Du, Mitgliedschaft bei KV lohnt sich doch. Manchmal.

Ansonsten gilt es ja als schick, sich als Einzelkämpfer zu definieren oder zumindest zu postulieren, das Individuum stärken, damit die Gemeinschaft stark wird. Das mag auch auf einzelne Individuen zutreffen, um diesen Begriff einmal unironisch zu benutzen, was ich selten und ungern mache, aus vielerlei Gründen, – es trifft zumindest auf die eher starken Einzelwesen zu, die durchsetzungsfähig, überzeugend, in manchen Fällen noch dazu intelligent und klug sind, oder durch andere Qualitäten zu überzeugen wissen, und sei das auch nur, indem sie einen Ball treten oder werfen können oder ohne zu stolpern einen Catwalk entlang spazieren können. Jedem seins. Die These trifft sicherlich nicht auf die schwachen Mitglieder einer Gemeinschaft zu, sie sind die Opfer eines solchen Individualismus, da sie aus sich heraus ihr Leben nicht gestalten oder gar meistern können.

Aber auch die Starken oder eher Starken haben nur eine fragile Sicherheit in einer globalen Welt, um auch diesen Ausdruck einmal unironisch und unkommentiert zu benutzen, mit ein wenig Schadenfreude sehe ich mir gelegentlich Fernsehbilder nach angekündigten Massenentlassungen an, in denen verzweifelte Baldnichtmehrmitarbeiter von ihren Zukunftsängsten berichten, und von ihrer Angst, bald zu einer Gruppe zu gehören, die sie vorher verachtet und beschimpft haben. Hätte man vorher daran denken müssen, dass man von den Strukturen, die man selbst durch seine Passivität immer unterstützt und gestärkt hat, auch einmal erschlagen werden kann. Und Strukturen ändert man in einer Demokratie eben nur durch das Bilden von Mehrheiten, und Mehrheiten artikulieren sich nur, indem sie Gemeinschaften bilden. Auch 30 Millionen Einzelkämpfer werden nicht beachtet, wenn sie keine Stimme haben.

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Anekdoten

Grafik: Lena Knaudt

Ach, ja, wahrscheinlich seid Ihr es müde, Ratschläge von alten, von mittelalten Männern und Frauen anhören oder durchlesen zu müssen, und, unter uns: Mich langweilt es, welche zu erteilen, abgesehen von meiner Kompetenz, ein trauriges Thema, und ich langweile mich nicht gerne in meiner Freizeit. Mein Chef möge es mir verzeihen, und mich nicht morgen mit den Worten begrüßen: „Wie lange sind Sie eigentlich schon hier, morgen mal nicht mitgerechnet…“, aber ich langweile mich in meinem Job schon genug, trotz des Stresses, es ist eben ein langweiliger Stress. Also erzähle ich lieber kleine Anekdoten, und wer errät, welcher Ratschlag darin unglaublich raffiniert versteckt ist, und wem ich noch dazu einen Preis gönne, der erhält einen von mir. Könnte sein, dass „langweiliger Stress“ schon ein Hinweis ist. Muss aber nicht. Sein.

Kürzlich war ich mit einer lieben Nichte im Museum, hier in Wuppertal, alternativ war ein Zoobesuch geplant, abhängig vom Wetter, die Intelligenten unter Euch werden sich das gedacht haben. Es war an einem Sonntag, und ich beginne dann spätestens am Samstagabend um Sonnenschein zu beten. Es ist nämlich so: Meine Bildung reicht für einen Museumsbesuch eigentlich nicht aus, ich kann nichts Intelligentes oder Profundes zu den ausgestellten Werken sagen, und mit einem schweigenden Begleiter durch ein Museum zu schleichen, das stelle ich mir nicht sehr amüsant vor. Im Zoo habe ich es leichter, es gibt auf Hinweisschildern erschöpfende Auskünfte über die, wie ich finde: armen Tiere, und zu Sätzen wie: „Gott, sind die Elefantenbabys süß…“, dazu reicht meine Bildung so ganz knapp aus. Natürlich hat es geregnet, es regnet hier immer, immer, immer, aber meine Nichte ist so nett, mich nicht zu demütigen durch überlegenes Wissen, wir haben schließlich positive Bilder gesucht, ich aus obigen Gründen ein wenig vorsichtig in meiner Beurteilung. Und nicht sehr laut redend.

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Selbsthilfekolumne

Grafik: Lena Knaudt

Nur als Warnung, für die jungen oder naiven Kollegen unter uns: Es gibt im Leben, während eines Lebens, Angewohnheiten, die zur Sucht werden können, nicht nur bei labilen oder entsprechend veranlagten Menschen. Es beginnt ganz harmlos, und irgendwann kann man nicht mehr damit aufhören, die Sucht beginnt das Leben, den Alltag zu bestimmen, es folgt der soziale Abstieg oder so etwas, einige von Ihnen werden mir das bestätigen am Schluss.

Ich heiße Andreas, ich bin Vordemeinschlafenleser. Es begann, siehe oben, ganz harmlos, in der Kindheit, es war verboten, ab einer gewissen Uhrzeit zu lesen, und in dem Verbotenen lag der eigentliche Reiz, der Nervenkitzel, der Sinnesreiz als Anlage für das spätere Verderben. Dann die Schulzeit, die späte, man schaffte seine Pflichtlektüren tagsüber nicht, und so las man sie nachts. Konnte man sich so angeblich auch besser merken, den Inhalt, für den nächsten Tag, die ersten Ausreden für den schleichenden Zerfall. Als Erwachsener zur Entspannung, abends ein paar Seiten, nicken Sie ruhig betroffen: Sie haben ja Recht.

Und ich lese alles, wirklich alles, von Agatha Christie bis Shakespeare, je nachdem, welche Dosis an Lektüre, inhaltlicher Dosis, ich gerade brauche. Brauche ich also die angenehme Langeweile der Spießigkeit nach einem chaotischen Tag: Agatha Christie, hier ist die Welt in Ordnung, schon nach der ersten Seite weiß man, wer der Mörder ist: Der mit dem schlechtsitzenden, billigen Anzug, der seinen Tee ohne Milch trinkt. Und nach einem eher schönen Tag Shakespeare als krönendem Abschluss.

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(K)ein Wuppertal

Grafik: Lena Knaudt

Als ich die ersten Mails einer lieben Freundin aus Österreich erhielt, endete sie immer mit: „Grüße ins Tal“, ich habe mir nichts dabei gedacht, einfältig, wie ich oft bin, bis sich aber herausstellte, dass sie Wuppertal für ein Tal hielt, und nicht für eine Großstadt, von der es, an der Einwohnerzahl gemessen, in Österreich nur drei oder vier gibt. Wuppertal eine Art Schlucht, so sind sie, die Österreicher, sie sagen: „Warten wir, wie es sich ausgeht“, und, wenn sie jemanden besonders sympathisch finden: „Er soll in Oarsch gehen“, oder: ein Mail, nicht eine, oder „schiach“ statt: eklig, und man trägt dort Badeschlapfen im Sommer, ein schlechter Torwart ist: ein Eiergoalie…Ich liebe diese Sprache sehr.

Darum geht es aber nicht, auch nicht darum, dass sofort mein Lokalpatriotismus auflammt, wenn jemand Wuppertal- Oberbarmen noch nicht begeistert bereist hat. Wuppertal ist eine durchschnittliche deutsche Großstadt, ca. 400. 000 Einwohner, sie sieht ein wenig zerstückelt aus, weil ein Genie auf die Idee kam, mehrere Städte planlos in einer Kommunalreform zusammenzufügen, auffällig und erwähnenswert ist die berühmte Schwebebahn, die hohe Sektendichte pro Einwohner, – die höchste in der Bundesrepublik, – und der viele Regen, er fällt, mal warm, mal kalt, 400 Tage im Jahr. Regen, Spinner, Schwebebahn, dafür sind wir berühmt.

Etwas Besonderes wird diese Stadt für einen selbst doch nur, wenn man dort lebt. Sie wird einem vertraut, man passt sich ihr an, man will nicht fort und sich nicht woanders vorstellen, wenn man einigermaßen zufrieden ist mit seinem Leben. Man ist ein Teil dieser Stadt, unbewusst beeinflusst man das Tagesgeschehen, wenn auch nur, indem der Busfahrer morgens auf einen warten muss, oder die Verkäuferin im Stammlebensmittelgeschäft schon wieder nach hinten in die Metzgerei laufen muss, weil Herr Wupperzeit um 19.45 Uhr noch etwas vergessen hat, was er jetzt unbedingt braucht, oder der Wirt in der Stammkneipe ginge pleite, ohne die abendlichen Besäufnisse des Herren W., oder auch nur, weil ein Fußgänger in der Fußgängerzone ausweichen muss, der Ablauf ist gestört für einige Sekunden…

Von allen diesen Dingen und ihrer Wichtigkeit, wenn auch nur im Kleinen, wüsste meine österreichische Freundin aber gar nichts, wenn sie mich nicht zufällig kennen gelernt hätte, sie hätte 400. 000 Menschen einfach nicht registriert, hatte sie jedenfalls nicht, hätte sie vielleicht nie in ihrem Leben, die Stadt wäre für ihr Leben völlig unwichtig gewesen. Jetzt horcht sie natürlich auf, wenn, beispielsweise, ein Irrer hier einige Stadtteile in die Luft jagt, weil ihn seine Mutti nicht lieb gehabt hat, und sie denkt: „Hoffentlich ist dem lieben W. nichts passiert…“. (Äh…, ich hoffe, sie denkt das…). Die Stadt ist also wichtig für sie, weil sie sie personifiziert, Herr W. lebt dort, und ich denke genauso über die Schlucht, in der sie lebt.

Deshalb verreist man ja auch: Ein Urlaub vom eigenen Ich und seinen Grenzen, die der Alltag ihm zieht, auch die Ortschaft, oder heißt es: „Örtlichkeit“?, aber das klingt ein wenig nach: Sie wissen schon. Aber schön wäre es, wenn man ab und zu die eigene Wichtigkeit, die des eigenen Alltags, den man sich in einer, beispielsweise: Stadt zusammengelebt hat, durch, sagen wir: ein Mail relativieren ließe, ohne zu verreisen oder umzuziehen, ohne zu sterben, natürlich.

Guten Tag.

 

Ein Idiot

Grafik: Lena Knaudt

Wenn das Telefon läutet, Sonntags, Sonntagmorgens…Nun, sie war am Telefon, Freundin, ob ich das gelesen habe, Jubiläum unseres Einkaufszentrums, deshalb Verkaufsoffener Sonntag heute, und ob ich mitginge, mitgehen würde, auf einen Kaffee. Nein, natürlich nicht, zwei Alarmwörter, die ein „Nein“ automatisch bei mir auslösen, nämlich die Kombination von „verkaufsoffen“ und „Frau“, also: ich habe schon etwas vor, was denn jemand wie ich vorhabe, ich sei schon verabredet, wer sich denn mit mir freiwillig verabrede an einem Sonntag, außer ihr, also: 16.00 Uhr am Hauptbahnhof, Bahnhofsbücherei.

Tatsächlich war sie schon um 16.30 Uhr da, atemlos, sie hatte sich extra meinetwegen beeilt, Sonnenstudio, liegt ja auf dem Weg, und fast hätte sie sich verbrannt wegen meiner ewigen Hetzerei, warum ich so unfreundlich schauen würde, schon wieder schlecht gelaunt, oder wie, bei dem Wetter, und ich selbst bin von den Frauen, mit denen ich zusammen leben durfte, eine Weile, viel zu gut erzogen worden, um auf so etwas zu antworten, und habe eine Strategie entwickelt mit der Zeit, die lautet: Schweigen, Thema wechseln, das Beste daraus machen. Also noch schnell bei der Bank vorbei, das hättest Du auch vorher machen können, gleich bekommt man nirgendwo einen Platz, ja, ich weiß. Ich weiß.

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Details

Grafik: Lena Knaudt

Nur nebenbei: ich bin kein großer Handwerker vor dem Herrn, zwei linke Hände, wie man so schön sagt, und wenn bei mir etwas kaputt geht, so habe ich jemanden in meinem Bekanntenkreis, den ich anrufe, ich schildere das Problem, er denkt kurz darüber nach, ob ich das selbst hinbekomme mit Hilfe seiner Erklärung, meistens entscheidet er sich dafür, das selbst zu machen, weil: wenn ich noch größeren Schaden anrichte, hat er nachher umso mehr Arbeit…Während er repariert erklärt er seine Arbeit, es langweilt mich, aber ich bin ein höflicher Mensch.

Anders mit Computern und allem was dazu gehört: Da behält man sein Wissen gerne für sich. Eine Art Geheimwissenschaft, die auch ihre eigene Sprache hat, die nur von Insidern verstanden und benutzt wird, darüber, über diese Fachsprache, hat sich schon Tucholsky mokiert, die Laternenanzünder, das kennen Sie sicher. Natürlich macht so eine Fachsprache Sinn, sie dient dazu, Begriffe präzise zu definieren, sie dient aber auch der Prahlerei und so der Demütigung: ich weiß mehr als Du. Das soll aber auch so bleiben.

Als ich anfing, mich mit Rechnern zu beschäftigen, Hardware, Software, Internet, war ich fast völlig ahnungslos, ein wenig wusste ich durch meinen Beruf, aber welche Schwierigkeiten es gibt, wenn man ein wenig ansprechend, beispielsweise: im Internet privat arbeiten will, nun ja: da war ich wohl sehr naiv. Aber ich kenne genügend Leute, die im Internet publizieren, die kann man fragen…Nein, kann man nicht. Natürlich geben sie bereitwillig Auskunft, langatmig, in dieser furchtbaren anglisierten Sprache, den albernen Abkürzungen, SQL-Server, PHP-Datenbanken, man erfährt alles, wenn man Zeit und Lust dazu hat, leider bin ich ein nervöser Mensch. Wenn ich auf eine Nachfrage den gleichen Quatsch noch einmal erklärt bekomme, nur dieses Mal mit anderen Fachausdrücken, lenke ich eben das Gespräch auf eines der wenigen Themen, von denen ich etwas verstehe, also meistens auf Boxen und Fußball.

Und: sie verschweigen einem immer ein entscheidendes Detail, entscheidend, ich wiederhole: entscheidend. Das hat mich schon so oft verbittert, dass ich tausende alberne Kolumnen darüber schreiben könnte, und wenn man dann nachfragt, warum hast Du mir nicht gesagt, dass man, sagen wir: PHP als CGI-Programm einsetzen kann, wodurch die Performance sehr schlecht wird,HTTP-Request, Webserver, PHP-Interpreter, man muss da eben regelmäßig updaten, und man zur Antwort erhält: Ja, den Rechner musst Du natürlich auch vorher einschalten, und eine Stromversorgung haben in Deiner Wohnung, am Besten überhaupt eine Wohnung… Und dann eben wieder: Fußball oder Boxen, wahre Freunde sind selten, und wer vereinsamt schon gerne? Es funktioniert aber nicht ohne diese Details, alle wissen das, und ich stelle mir vor, wie die so genannten Freunde zufrieden lächelnd beim Sonntagskaffee sitzen, und die Frau fragt misstrauisch: Warum lächelst Du, und der ehemalige Freund antwortet: Jetzt versucht er gerade „Wordpress“ auf seinen Server zu stellen, vorigen Sonntag sah er schon so alt und müde aus, bei dem Wetter, die wievielte Zigarette mag er jetzt wohl rauchen, er weiß ja nicht….

Sie wissen, was ich meine, und ich weiß, dass einige hier mich ein wenig mögen, oder zu mögen vorgeben, also: wer von Ihnen weiß, warum mein Editor die Configdatei nicht als PHP-Datei abspeichert, sondern als Textdatei, warum ich das auch durch Umbenennen nicht ändern kann, oder wer mir die Software gegen einen kleinen Unkostenbeitrag (angemessen, nicht wahr) oder eine Spende an KV, oder sogar kostenlos auf meinen Server stellt: bitte bei mir melden, aber: keine albernen Details,bitte, sondern eben: alle.

Guten Tag.

Pinocchio

Grafik: Lena Knaudt

Die meisten werden sie kennen, die berühmte Figur aus dem Kinderbuch von Carlo Collodi, in dem Buch werden die Abenteuer einer Holzfigur geschildert, unter anderem eine berühmte Geschichte, als Pinocchio eine immer längere Nase wächst, während er lügt. Man soll eben nicht lügen, oder: Etwas versprechen, wovon nicht einmal man selbst glaubt, dass man es halten kann. Ansonsten möge einem schon während des Versprechens eine Nase wachsen lang und länger, gerne aus Holz.

Hier meine ich die vorsätzlich nicht eingehaltenen Versprechungen, die man Anderen so macht, nicht die fahrlässigen, wie ein Eheversprechen, zum Beispiel, bis dass der Tod Euch scheidet, so etwas suggeriert einem ja nur der „vom Geschlechtstrieb umnebelte Intellekt“, wie Schopenhauer das genannt hat. Ich meine Versprechungen, von denen man in dem Moment, in dem man sie abgibt, schon weiß: Das kann ich nicht halten, werde ich nicht halten, am schlimmsten: Will ich gar nicht halten. Ganz zu Unrecht wird zwischen einem Versprechen und einer Lüge unterschieden, in dem Moment, in dem man ein unhaltbares Versprechen dolus direktus abgibt, lügt man.

Die bekannteste Gruppe der Lügner sind natürlich die Politiker. keine Mehrwertsteuererhöhung, so etwas, aber denen glaubt ohnehin kein vernünftiger Mensch irgend etwas, außer: Dass sie ständig alles, aber auch alles tun werden um an der Macht zu bleiben. Und das ist auch der Hauptgrund, warum Versprechungen gemacht werden, die dann aber überhaupt kein bisschen gehalten werden: Es geht um Macht, um Anerkennung, derjenige, dem etwas versprochen wird, soll dazu verführt werden, den Lügner anzuerkennen und damit seine Macht. Es geht um Eitelkeit, der Lügner erhält und genießt den kurzen Applaus des Versprechens, des Versprochenen, und es geht, am „Ende des Tages“, wie Verona Pooth, oder wie die Tussie heißt, das nennen würde, um Manipulation. Wie in der Kirche soll ich an etwas glauben, an Armageddon oder an Geschwätz.

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Das lebt

Garfik: Lena Knaudt

Heute Morgen habe ich es endlich geschafft, alle Weihnachtsgeschenke einzukaufen, mit denen ich meine Lieben und vielleicht: Sie zu beschenken gedenke; – ich war spät dran, als eher nervöser Mensch hat mich das ein wenig beunruhigt, falls Sie mir diese persönliche Äußerung über einen überlebten Zustand erlauben:

Ich verschenke seit einigen Jahren Bücher zu Weihnachten, und man kann an dem gewählten Buch ungefähr ablesen, wie ich den intellektuellen und kulturellen Zustand des Beschenkten beurteile, es gibt da eine Skala von Ratgeberbüchlein bis zu Gedichten von Dylan Thomas, beispielsweise. Es gibt eben, Gott sei Dank, gute und schlechte Freunde, und ebenso, Gott sei Dank, gute und schlechte Bücher.

Selbst publiziere ich ja nur im Internet, ein Internetautor, oder: ein digital author, wie mich eine Freundin (Geschenk dieses Jahr: Mankell, Skalawert: oberes Mittelfeld) ein wenig spöttisch und abwertend zu nennen pflegt. In der internen Hierarchie der Autoren stehe ich damit ganz unten, noch unter den Verfassern von Ratgeberbüchlein, denn die wurden ja gedruckt von irgendjemandem, und dieses „gedruckt worden (zu) sein“ ist das Maß aller Dinge im so genannten Kulturbetrieb, wie ein Stern auf der Motorhaube. Ob die Motorhaube verrostet, zerbeult oder einfach nur hässlich, weil, zum Beispiel: protzig ist, ist unerheblich, es kommt auf den Stern darauf an.

Für den Buchmarkt selbst sieht es momentan ähnlich düster aus wie für die Autoindustrie, und die Gründe für diese Krise sind wohl die selben: Man hat zu viel produziert, und zu vieles an den Bedürfnissen der Kunden vorbei produziert. Wir leben in einer schnellen und schnelllebigen Zeit, man mag das bedauern, aber für viele Bedürfnisse und Erfordernisse des normalen Alltages sind Bücher einfach zu langsam, zu unkomfortabel in der Handhabung, beispielsweise bei einer Recherche. Eine Recherche im Netz dauert Minuten, die Ergebnisse sind aktuell, wer schlägt da noch lange in Lexika nach? Außerdem ist dem Buchmarkt ein wichtiger Kundenkreis weggebrochen, das so genannte Bildungsbürgertum wurde ersetzt mit der Zeit durch das Besitzbürgertum, und Letzteres liest keine Bücher. Nur diese Ratgeber- und Küchenpsychologiebüchlein, und davon können Verlage nicht dauerhaft existieren. Die Flut der anderen Bücher, mit denen der Markt ständig überflutet wird, bleiben unverkauft und ungelesen. Und das noch dazu oft zu Recht.

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Kolumbus

Grafik: Lena Knaudt

Irrtümer, schrieb Erich Kästner, haben ihren Wert, doch er ergänzte: Nur hier und da. Nicht jeder, der nach Indien fährt, entdeckt Amerika. Man darf Erich Kästner nur sehr bedingt zitieren, deshalb diese ein wenig umständliche Form der Wiedergabe, die ich zudem für elegant halte.
Nun ist es natürlich schwierig, einmal in Indien angekommen, seine Verirrung einzugestehen, und nicht als der große Kolumbus vor sich selbst und der Öffentlichkeit, oder auch nur der eigenen sozialen Umgebung weiterzuleben: Die Reise war beschwerlich, teuer, dauerte mehrere Jahre, womöglich, – viele flüchten dann unter den warmen Mantel der Rechthaberei, um nicht intellektuell nackt und also frierend dem Spott ausgesetzt zu sein oder auch das mühsamst erworbene Ego in Frage zu stellen oder zerstört zu sehen am Schluss. Anstelle der Erkenntnis, der Entdeckung, tritt dann die Behauptung, die Meinung, die … Ergänzen Sie das bitte selbst.

In der heutigen Zeit des Relativierens von allem und jedem fällt es ziemlich leicht, eine solche Unbelehrbarkeit durchzuhalten bis zur Albernheit: da in Diskussionen immer auch das Gegenteil einer These richtig sein muss, ist man als Dogmatiker auch eines Irrtums immer an seinem Lieblingsort: im Recht. Das Relativieren von Standpunkten verhindert jegliche Entscheidung zu einer Erkenntnis, zu einer Wahrheit, falls Sie pathetische Formulierungen bevorzugen sollten.

Genügt das Relativieren einer These nicht, seine Eigensinnigkeit unbeschadet ausleben zu dürfen, kann sich der Bornierte immer noch in die Religion aller Egoisten flüchten, in die Psychologie, und seelische Kriterien für seinen Standpunkt herbeizaubern: Ich empfinde das so ist ein typischer Schlüsselsatz als Signal für einen folgenden, oder, je nach psychischer Disposition des Rechthabers, als Resultat eines Irrtumes, der umso schwerer zu wiederlegen ist, da man nun einmal nicht weiß, und noch öfter auch gar nicht wissen will, wie diese Emotionen denn nun aussehen könnten in der Analyse.

Noch weniger möchte der intellektuell seriös Argumentierende die Ursachen für eine eben nur Meinung bei den theologisch herumlebenden Mitmenschen wissen, und so antwortet man auf das Lieblingsargument der Theologen: Ihnen fehlt der Glauben, – am besten: Gott sei Dank.
Und nur, weil jemand nicht ständig im Unrecht ist mit seinen Behauptungen, sondern hin und wieder Gedanken als eine Art Gnade in die Dunkelheit seiner Dummheit gespendet erhält, oft Gedanken zudem, deren Anerkennung als Wahrheit sich selbst der größte Blödmann nicht entziehen kann, heißt das im Umkehrschluss oder in der Konklusion eben nicht, dass, beispielsweise, der Naziabschaum Recht hat in der Verteidigung seiner Irrlehren, nur weil Einige von Ihnen wissen, dass die Erde keine Scheibe ist, und aus dieser Tatsache folgern, man müsse jeden ermorden, der keine Glatze trägt und den ganzen Tag besoffen ist.
Ist Ihnen eigentlich noch nicht aufgefallen, dass Sie immer im Recht sind, fragte Tucholsky einmal, und erhielt zur Antwort: Was erlauben Sie sich, ich irre mich ständig, und Tucholsky erwiderte: So rechthaberisch sind manche Menschen …

 ”Digitale Spießer” nennt Sascha Lobo in seiner großartigen Kolumne jene Zeitgenossen, die das Internet als Kommunikationsmittel missbrauchen, um ihre Borniertheit aufzudrängen bis zur Penetranz. Das Internet als die moderne Möglichkeit, kein Kolumbus zu sein und trotzdem einer zu bleiben.

Ich wünsche Ihnen in diesem Sinne eine angenehme Reise durch die Weltmeere der Erkenntnisse und für heute:

Einen guten Tag.