Anekdoten

Grafik: Lena Knaudt

Ach, ja, wahrscheinlich seid Ihr es müde, Ratschläge von alten, von mittelalten Männern und Frauen anhören oder durchlesen zu müssen, und, unter uns: Mich langweilt es, welche zu erteilen, abgesehen von meiner Kompetenz, ein trauriges Thema, und ich langweile mich nicht gerne in meiner Freizeit. Mein Chef möge es mir verzeihen, und mich nicht morgen mit den Worten begrüßen: „Wie lange sind Sie eigentlich schon hier, morgen mal nicht mitgerechnet…“, aber ich langweile mich in meinem Job schon genug, trotz des Stresses, es ist eben ein langweiliger Stress. Also erzähle ich lieber kleine Anekdoten, und wer errät, welcher Ratschlag darin unglaublich raffiniert versteckt ist, und wem ich noch dazu einen Preis gönne, der erhält einen von mir. Könnte sein, dass „langweiliger Stress“ schon ein Hinweis ist. Muss aber nicht. Sein.

Kürzlich war ich mit einer lieben Nichte im Museum, hier in Wuppertal, alternativ war ein Zoobesuch geplant, abhängig vom Wetter, die Intelligenten unter Euch werden sich das gedacht haben. Es war an einem Sonntag, und ich beginne dann spätestens am Samstagabend um Sonnenschein zu beten. Es ist nämlich so: Meine Bildung reicht für einen Museumsbesuch eigentlich nicht aus, ich kann nichts Intelligentes oder Profundes zu den ausgestellten Werken sagen, und mit einem schweigenden Begleiter durch ein Museum zu schleichen, das stelle ich mir nicht sehr amüsant vor. Im Zoo habe ich es leichter, es gibt auf Hinweisschildern erschöpfende Auskünfte über die, wie ich finde: armen Tiere, und zu Sätzen wie: „Gott, sind die Elefantenbabys süß…“, dazu reicht meine Bildung so ganz knapp aus. Natürlich hat es geregnet, es regnet hier immer, immer, immer, aber meine Nichte ist so nett, mich nicht zu demütigen durch überlegenes Wissen, wir haben schließlich positive Bilder gesucht, ich aus obigen Gründen ein wenig vorsichtig in meiner Beurteilung. Und nicht sehr laut redend.

Oder auf Pott-Treffen, den NRW-Treffen, wir haben da kürzlich einmal überlegt, wie denn so der Bildungsdurchschnitt der Teilnehmer eines Treffens sei, ich musste plötzlich auf Toilette, ich war der einzige Nichtakademiker. Nicht auf der Toilette, während des Treffens, natürlich. Und das merkt man dem Niveau der Gespräche mit mir eben an, sie bewegen sich auf eher geringem Level, weil das Hintergrundwissen fehlt. Eigentlich kann man sich mit mir nur über Fußball oder Boxen unterhalten, wie ich immer sage, oder über Elefantenbabys, und das ist ja wohl kaum der Sinn eines Autorentreffens. Auch nicht bei Regen.

Gelegentlich erhalte ich Mails von noch studierenden Kollegen oder Freunden, die mir berichten, wie schwierig das Studium ist, wie zeitaufwendig und zermürbend. Aber mit 45 Jahren werden sie nicht Samstagabends einen Sonnengott anflehen müssen, auch nicht ständig einsam, versteckt Autorentreffen auf der Toilette verbringen müssen, und mit Fußball und Boxen oder Elefantenbabys können sie sich bei Bedarf, oder je nach ihrem gesellschaftlichen Umgang, dennoch beschäftigen. Dafür habe ich eben einen geregelten Feierabend und Urlaub, in dem ich mich mit Elefantenbabys beschäftigen muss. Also: muss. Es ist ja zu spät, das alles nachzuholen, leider.

Soweit also kleine Anekdoten, ein wenig abschweifende, abgeschweifte Anekdoten. Vielleicht erzähle ich demnächst eine weitere, am 10.02. ist ein Ausstellungsbesuch geplant, mit Nichte, lieber, auch in der aktuellen Terminliste bei KV gepostet, übrigens, wer also Lust hat, uns auf der Suche nach dieses Mal negativen Bildern zu beobachten: Immer gerne. Oder wer mir beim nächsten Stammtisch an einem gewissen Örtchen Gesellschaft leisten möchte, wenn das Gespräch auf Bildung kommen sollte: Bitte sehr. Allen anderen Gebildeten und Ungebildeten:

Einen schönen Tag.